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Liebe Leser,
Das Thema Respekt und Ethik in der Medizin ist mir seit jeher ein wichtiges Anliegen, auch schon als ich das Familienunternehmen vor 50 Jahren übernommen habe. Das liegt wohl in meinen Genen, denn weder mein Vater noch mein Grossvater haben diesen Punkt bei ihrer verlegerischen Tätigkeit je aus den Augen verloren.
Ich hatte bereits seit längerem die Idee, ein Symposium zu diesem Thema auszurichten. Wie der Zufall es dann wollte, konkretisierte sich dieses Vorhaben bei einem Treffen mit Professor Stegemann von der theologischen Fakultät und später mit Dr. Pierre Jaccoud von der Hoffmann-La Roche. Bei weiterführenden Diskussionen begann die Religion eine immer grössere Rolle einzunehmen, und der Kreis der Gesprächspartner veränderte sich ebenfalls. Schliesslich haben Professor Klaus Lindpaintner, der die Science and Ethics Advisory Group bei Roche leitet, Professor Georg Pfleiderer, Dekan der theologischen Fakultät der Universität Basel, und mein Sohn Steven Karger, dem die jüdische Perspektive sehr am Herzen lag, die Themenkreise Genetik, Medizin, Ethik und Religion zusammengeführt und ein Symposium konzipiert, das im Mai 2008 in Basel durchgeführt werden konnte.
Leider war es meinem Sohn Steven nicht mehr vergönnt, die Veranstaltung mitzuerleben – er erlag im März seiner schweren Krankheit. Herr Professor Pfleiderer ehrte Steven an der Symposiumseröffnung mit einer Schweigeminute.
Ein so wichtiges interdisziplinäres Thema von allgemeinem Interesse kann sicher nicht abschliessend behandelt werden. Dennoch hat das Symposium wichtige Teilaspekte erhellen können, und darüber soll in dieser Sondernummer der Karger Gazette ausführlich berichtet werden.
Thomas Karger
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Eine Aufforderung, sich den Verwirrungen des Lebens mit
etwas weniger Angst im Herzen zuzuwenden
Ulrich Goetz
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Wer ist der Mensch? Was ist Leben? Wann beginnt das, was wir gemeinhin als schützenswertes menschliches Leben verstehen? Welche Rolle kann Religion, können Religionen spielen bei der Errichtung ethischer Leitplanken zum Schutz ebendieses menschlichen Lebens angesichts der rasanten Fortschritte auf den Gebieten der Biologie und insbesondere der Genforschung? Sind Restriktionen für die Genforschung überhaupt notwendig und gesellschaftlich erwünscht? Mit diesem Fragenkomplex beschäftigten sich vergangenen 22./23. Mai in Basel Vertreter christlicher, jüdischer, islamischer und buddhistischer Standpunkte zusammen mit Humangenetikern, Philosophen und Rechtswissenschaftlern während zweier Tage auf dem öffentlichen Kongress „GenEthik und Religion“. Getragen wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Theologischen Fakultät der Universität Basel, der „Science and Ethics Advisory Group“ (SEAG) der F. Hoffmann-La Roche AG sowie dem S. Karger Verlag.
Basel als Bauplatz für den Brückenschlag zwischen divergierenden Weltanschauungen drängt sich geradezu auf. Wie Antonio Loprieno, Rektor der Universität Basel, mit seinen Begrüssungsworten in Erinnerung rief, war die neuen Geistesströmungen gegenüber stets offene Stadt am Rheinknie über Jahrhunderte vom Humanismus geprägt. Seit etwa 100 Jahren steht Basel zudem im Bann der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Impulse, die von der chemischen und pharmazeutischen Industrie ausgehen. Diese Dualität des geistigen Lebens der Stadt spiegelt sich auch in der „intellektuellen Agenda“, die sich die Universität Basel gegeben hat: in den beiden Forschungsschwerpunkten „Life Sciences“ auf der einen und den „Cultural Studies“ auf der andern Seite. Und der Ort, wo die beiden oft im Streit liegenden Disziplinen miteinander in einen fruchtbaren Dialog treten können, ist laut Antonio Loprieno sehr wohl im Bereich der angewandten, der Bio-Ethik zu suchen – also dem Thema dieses Kongresses.
Ebenfalls nachvollziehbar ist das Engagement der F. Hoffmann-La Roche beim Zustandekommen des Kongresses „GenEthik und Religion“, hat doch die Firma weltweit als eine der ersten die zentrale Rolle erkannt, welche die neuen von der Genforschung hervorgebrachten Erkenntnisse für die Medizin haben und noch haben könnten. Roche war sich aber auch früh der ethischen Fragen bewusst, die mit der Anwendung gentechnischer Methoden am Menschen zu stellen sind, und setzte daher die „Science and Ethics Advisary Group“ ein, um die Firmenaktivitäten auf diesem Gebiet beratend zu begleiten. Man sei sich eben bewusst, dass der Mensch nicht nur Körper, sondern auch Geist sei, sagt Klaus Lindpaintner, Direktor des Roche Center for Medical Genomics und in dieser Funktion auch Koordinator des SEAG. Womit auch das alte Mediziner-Sprichwort „mens sana in corpore sano“ in neuem Sinne bestätigt wird.
„Die Zukunft der Gentherapie beginnt nicht schon morgen“
Dem Biochemie-Professor Sandro Rusconi, seit 2005 Leiter des Departements „Kultur und Hochschulwesen“ des Kantons Tessin, wurde die Aufgabe zugeteilt, den Stand des Wissens und Nichtwissens im Bereich der humanen Gentechnologie darzulegen. Er nutzte die Gelegenheit, um daran zu erinnern, dass der Mensch genetische und biotechnische Prinzipien schon immer intuitiv genutzt hat, sei es bei der Heranzucht von Nahrungspflanzen oder Nutztieren, sei es im Prozess des Bierbrauens oder der Weingärung. Aber erst seit 40 Jahren wird das bewusst und gezielt getan, „verstehen wir die Mechanismen. Seither gibt es auch die Debatten.“ Rusconi definiert das Gen, die DNA als „regulierbare Nano-Maschine zur Herstellung von RNA“ und damit von Proteinen. Diese Regulierung oder Neu-Organisation der DNA kann sowohl in der Natur als auch künstlich herbeigeführt werden, „wie beim Lego-Baukasten“, wobei die Entwicklung tatsächlich rasant verlaufe: Während in den 1980er Jahren die Gentechnik zunächst als Analyse-Instrument eingesetzt wurde, war zehn Jahre später der Einsatz von umgebauten Genen zur gezielten Proteinproduktion in Bioreaktoren bereits Standard. Und etwa seit der Jahrtausendwende laufen die Projekte mit dem Ziel, Gene direkt als Heilmittel einzusetzen. Inzwischen erlauben es genomisch-basierte Tests präsymptomatisch, also bevor Krankheitszeichen vorliegen, abzuschätzen, ob das betreffende Individuum ein erhöhtes Risiko in sich trägt, etwa an Krebs, Alzheimer oder Parkinson zu erkranken. Oder sie liefern Hinweise, auf welche Medikamente ein Patient besonders gut anspricht, eine Möglichkeit, die vor allem bei der Behandlung chronischer Krankheiten willkommen ist.
Ist somit in der Medizin die schöne neue Welt ausgebrochen? Noch lange nicht, wiegelt Sandro Rusconi ab. Im Bereich Gentherapie machen sich die Erfolge trotz 15jähriger Forschungsanstrengungen bis jetzt rar. Ein ähnliches Schicksal sagt Rusconi der Stammzell-Therapie voraus, gegen die vorab wegen der anfänglich unumgänglich erscheinenden Verwendung von Embryo-Zellen aus ethischen Gründen Sturm gelaufen wird. Die Technik geniesse eine Medienpräsenz, die in keinem Verhältnis stehe zu den konkreten Erfolgsaussichten. Realistisch gesehen werde die Gentechnik in naher Zukunft vielleicht die Lebenserwartung ein wenig erhöhen, die Lebensqualität im Alter verbessern und bei der Herstellung von Designer-Medikamenten hilfreich sein. Ja, und die Ängste, die um die Gentechnik geschürt werden, hält Rusconi zumindest teilweise für „konstruiert“.
Dabei räumte Sandro Rusconi in der Diskussion ein, dass das Auftauchen der Gentechnik tatsächlich ein Spezialfall sei, nicht vergleichbar etwa mit dem damaligen Siegeszug der Dampflokomotive (der ja auch von Ängsten begleitet war). Denn Gentechnik könne zumindest potentiell tatsächlich sehr direkte Folgen auf das Individuum haben, „kein Wunder, dass sie so viele Diskussionen auslöst“. Doch bei alledem sei festzuhalten, „dass ein Mensch Mensch bleibt, auch wenn ihm ein fremdes Gen eingepflanzt wird“. Das menschliche Genom sei von Natur aus bereits zu etwa zehn Prozent nicht-menschlich, stamme von Bakterien und Viren ab. Horizontaler Gen-Transfer sei also die natürlichste Sache der Welt.
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Religion stellt eine Sprache des Nachdenkens über den Menschen zur Verfügung, die auch von nichtreligiösen Menschen verstanden werden kann ...
Wie aber kann sich die Religion in diesen Diskurs einbringen? Soll sie es überhaupt tun, sie, die nach landläufiger Ansicht doch eher für den „Geist“ zuständig ist, als für den „Körper“? Georg Pfleiderer, Professor für Systematische Theologie an der Universität Basel und Mit-Organisator des Kongresses, hat dazu eine sehr dezidierte Meinung. Zwar falle es selbstverständlich keinem Vertreter des Christentums ein, den Menschen auf seinen Körper oder gar seine Gene zu reduzieren. Doch „gemäss christlicher Lehre, die darin an das Alte Testament anschliesst, ist der Mensch ein einmaliges, leibliches Individuum“ und damit zumindest die christliche Religion in der Pflicht, sich – neben des Geistes – auch des Körpers des Menschen anzunehmen, so Georg Pfleiderer im persönlichen Gespräch. Als Vertreter der systematischen Theologie beschäftigt er sich unter anderem auch mit Ethik, also mit Motiven und Folgen des menschlichen Handelns, und vertritt folgerichtig die Ansicht, dass die Religion sehr wohl ein Wort mitzureden hat im Diskurs um die Bioethik. Denn schliesslich habe die Religion im Lauf ihrer Geschichte eine „Sprache des Nachdenkens über den Menschen“ geschaffen, die auch von nichtreligiösen Menschen verstanden werden könne.
Von der Gentechnik gingen „grosse Hoffnungen, aber auch grosse Ängste“ aus, registrierte Georg Pfleiderer sodann einleitend zur Tagung. Für viele Zeitgenossen sei besonders das Tempo beängstigend, mit dem sich der doch erst etwa 40 Jahre alte Wissenszweig weiter entwickle und beginne, das Alltagsleben zu durchdringen. „Gegenüber dieser Dynamik haben Ethik und Religion einen schweren Stand.“ Und doch sei die Frage, was Menschen mit menschlichem Erbgut tun dürften und wo somit die Grenzen für den menschlichen Machbarkeitswahn zu ziehen seien, eine tief religiöse. Wie Georg Pfleiderer ausführte, wird innerhalb der Religionsgemeinschaften seit Jahren heftig über gen-ethische Fragen diskutiert. „Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme – und für eine Versachlichung der Diskussion“, gab er den Kongressteilnehmern mit auf den Weg.
...doch sind ja die Probleme der Gen-Ethik in den klassischen religiösen Überlieferungen nicht präsent.
Aber schon Georg Pfleiderers Kollege Friedrich Wilhelm Graf, Lehrstuhlinhaber für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist skeptisch bezüglich der Fähigkeit der Religionen, ein brauchbares Votum in die Bioethik-Debatte einbringen zu können. „Wie kann man auch nur von religiös begründeter Bioethik sprechen? Die Probleme der Gen-Ethik sind ja in den klassischen religiösen Überlieferungen nicht präsent, es sind keine Auskünfte zu finden über den moralischen Stellenwert etwa von embryonalen Stammzellen.“
Zuvor schon hatte Tristram Engelhardt, Philosophieprofessor an der Rice University Texas, prinzipiell die Möglichkeit in Zweifel gezogen, dass sich die Welt je auf substantielle bioethische Richtlinien bezüglich gentechnischer Anwendungen beim Menschen einigen könnte. „Unsere Gesellschaft ist geprägt von einem Krieg der Kulturen – Auseinandersetzungen zwischen Vertretern unterschiedlicher moralischer, religiöser und metaphysischer Standpunkte. Der Streit dreht sich um die Frage, welche Sicht der Dinge als dominierende Leitkultur gelten soll und was denn überhaupt der Inhalt einer Bioethik sein solle, die die Gentechnologie am Menschen reguliert.“ Schlimmer noch, Engelhardt sieht keine Hoffnung, „dass dieser grundlegende Dissens durch philosophische Reflexion und rationale Argumentation überwunden werden kann. Denn die Streitparteien sind sich weder über eine gemeinsame Diskussionsbasis noch über die Regeln der Beweisführung einig.“ Es gebe eben keine weltweit gültige Moral. Und das Heil in der Religion zu suchen helfe auch nicht, denn „diejenigen, die an die Existenz Gottes glauben, sind ihrerseits uneinig darüber, wer genau dieser Gott ist und, noch viel mehr darüber, was Er von uns überhaupt erwartet.“ Mit der Konsequenz, dass auch die Religion nicht taugt als Leuchtturm der Bioethik, weil man sich zwischen und auch innerhalb der verschiedenen Religionsgruppen eigentlich nur darin einig ist, in fundamentalen Fragen uneinig zu sein
Religiöse Sprache ist möglicherweise der gefährlichste Mentalstoff, mit dem wir Menschen permanent zu tun haben.
„Da kann ich Tristram Engelhardt nur beipflichten“, sagt Nachredner Friedrich Wilhelm Graf zur Meinungsvielfalt und den divergierenden Ansichten unter den Religionen. Er liefert zur Erklärung des Phänomens noch einige Zahlen nach: So habe man um das Jahr 1900 erst rund 1800 christliche Kirchen gezählt, 100 Jahre später seien es bereits deren 36 000 gewesen. Aber Friedrich Wilhelm Graf sieht noch eine ganz andere Dimension des Problems. Für ihn ist die religiöse Bioethik-Diskussion eine Art Stellvertreter-Krieg, mit der die alten Glaubenskämpfe um Machtansprüche weiter geführt werden. Dabei werde gezielt religiöse Sprache eingesetzt, auch von nichtreligiösen Akteuren, und da muss laut Graf die kritische Analyse einsetzen: „Denn religiöse Sprache ist eine extrem gefährliche Sprache, möglicherweise der gefährlichste Mentalstoff, mit dem wir Menschen permanent zu tun haben.“ Der Intepretationsoffenheit seien keine Grenzen gesetzt, Parteien benutzten religiöse Begriffe, um ihre partikularen Interessen als höhere und nicht hinterfragbare Ansichten hinzustellen.
Friedrich Wilhelm Graf nennt als Beispiel den Begriff der Schöpfung, „mit dem viel Schindluder getrieben wird“. Unter diesem Schlagwort könne man alles wollen, sowohl die Natur verteidigen gegenüber den ruchlosen Bio-Ingenieuren, als auch umgekehrt die Geburt des neuen Menschen in der Welt der Gentechnologie proklamieren. Die Schöpfung sei nun mal keine Normenquelle, aus der sich eine Anleitung zum Handeln ableiten lasse.
Auch mit dem Begriff der Menschenwürde hat Graf seine Mühe: „Bei allen möglichen trivialen Gelegenheiten wird dieser Begriff in Anspruch genommen.“ Dabei finde sich vor den 1940er Jahren in der religiösen Fachliteratur kaum ein Beitrag zu diesem Thema. Katholische und protestantische Theologen vertraten damals sogar noch die Ansicht, dass die Postulierung von Menschenrechten Ausdruck sei „einer liberalistischen Fehlorientierung, von Autonomiewahn“. Doch „50 Jahre später haben sich die kirchlichen Akteure im Diskurs in eine Position gebracht, aus der sie ein Interpretationsmonopol für Begriffe wie Menschenwürde und Menschenrechte in Anspruch nehmen. Das finde ich eine spannende Entwicklung.“
Aus alledem schliesst Friedrich Wilhelm Graf, der aktuelle bioethische Diskurs sei „nichts weiter als die neue Inszenierung sehr alter Konflikte um Recht und Grenzen menschlicher Autonomie. Wir streiten da um nichts Neues, wir führen nur einen Streit fort, den wir seit 250 Jahren geführt haben.“


Galacidalacidesoxiribunucleicacid („Homage to Crick and Watson“), Öl auf Leinwand (400 x 500 cm), von Salvador Dali (1963). Der Titel des Werkes nimmt Bezug auf die Entdeckung der DNA durch Francis Crick und James Watson im Jahr 1953, wofür die Forscher 1962 den Nobelpreis erhielten. In diesem Bild verwendet Dali das religiöse Motiv der Auferstehung, um sein Interesse an moderner Wissenschaft auszudrücken. Das zyklische Thema Leben-Tod-Wiedergeburt wird repräsentiert durch das spiralförmige DNA-Molekül als Grundform des Lebens auf der linken Seite, das kubische Gebilde rechts, bestehend aus Personen, die mit Gewehren auf ihre Nachbarn zielen, und den Arm Gottes in der Mitte, der den toten Christus zum Himmel emporhebt. Beobachtet wird die Szene von Dalis Frau Gala im Vordergrund. (Prolitteris©, Zürich, 2008)
Der Sündenfall der Sprache
Sprachliche Entgleisungen im Diskurs um Bioethik wurden an der Tagung dann auch noch von zwei weiteren Referenten thematisiert. James F. Childress, Ethikprofessor an der University of Virginia, knöpfte sich den Begriff der „Menschenwürde“ vor – und liess kein gutes Haar an ihm. Der Begriff sei zuerst in den USA eingeführt worden und werde nun von den Gegnern der Gentechnik dazu missbraucht, um Restriktionen zu rechtfertigen. „Dabei ist der Begriff vollständig ausser Kontrolle, kann alles oder nichts bedeuten. Unter Berufung auf die Menschenwürde wird einerseits der Sterbehilfe das Wort geredet, andererseits gegen Abtreibung demonstriert.“ Menschenwürde sei ein unnützes Konzept, das man abschaffen müsse – und das vor allem nichts in der Gesetzgebung zu suchen hat. Stattdessen schlägt James Childress vor, vermehrt Begriffe wie „Respekt“ oder „Autonomie“ zu verwenden, obwohl es auch da Interpretationsprobleme geben könne.
„Ist das Genom des Menschen heilig?“, fragte Ted Peters in seinem Beitrag. Als Bild-Illustration projizierte der Professor für Systematische Theologie im kalifornischen Berkeley Salvador Dalis „Homage to Crick and Watson“, die Entdecker der DNA-Doppelhelixstruktur. Auf dem Gemälde scheint die Erbsubstanz tatsächlich vom Himmel gesandt zu sein, sich in Dalis Frau zu inkarnieren, um danach wieder aufzusteigen zu den Engeln. „Die Molekularbiologie ist heute eine Religion, und die Molekularbiologen sind ihre Propheten“, könnte Dalis Bild interpretiert werden. Dabei sieht Ted Peters die Verantwortung für die religiöse Verherrlichung der Gentechnik durchaus auch bei den Molekularbiologen. Diese waren es ursprünglich, welche die Erbsubstanz DNA mit Bezeichnungen wie „Geheimnis des Lebens“, „Buch des Lebens“ oder gar „Sprache Gottes“ in den Himmel hoben.
Das geht laut Ted Peters inzwischen so weit, dass vor Gericht die Verantwortung für das eigene Handeln den Genen in die Schuhe geschoben wird: „Die Gene sind schuld an meinen Schandtaten!“, verteidigen sich etwa Angeklagte. Die Gene würden für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Das sei natürlich Unsinn. „Wir sind immer noch verantwortlich für unser Verhalten, egal was in den Genen steht“, sagt Ted Peters und räumt nebenher auf mit dem Mythos, die Ethiker würden den Entwicklungen der Gentechnik hinterher laufen. Bereits 1990, mit dem Start des Human Genome Project und später 1996, als die Stammzellenforschung aktuell wurde, habe man in Berkeley begonnen, sich mit den ethischen Implikationen dieser neuen Techniken auseinanderzusetzen. In Bezug auf die Embryonen-Nutzung etwa habe man die 14-Tage-Regel aufgestellt. Bis zum 14. Tag nach Befruchtung besitze der Embryo noch gar kein individuelles Genom, könne sich, falls in eine Gebärmutter eingesetzt, immer noch zu Zwillingen oder Vierlingen entwickeln. Bis zum 14. Tag wäre die embryonale Stammzellennutzung daher ethisch unbedenklich.
Doch zurück zur Frage: „Ist das Genom des Menschen heilig?“. Karl Barth würde sagen: „Nein!“. Davon ist Ted Peters überzeugt. „Denn da gibt es keinen Anknüpfungspunkt zwischen Himmel und Erde, dem transzendenten Gott, der die Welt schuf, und der Schöpfung selber.“ DNA sei zwar eine grossartige und aufregende Substanz, aber weder heilig noch unantastbar: „Ich persönlich bin dagegen, dass Gene über Personen gestellt werden sollen“.
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Geht es bei der kirchlichen Vormundschaft für das Leben vor allem bloss um Macht und Terraingewinne im eigenen Namen?
Damit hatte Petra Gehring, Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt, ihr Stichwort. Aus ihrer Sicht reiht sich der kirchliche Bioethik-Diskurs nahtlos ein in die Abtreibungsdiskussion vergangener Jahrzehnte. „Die Macht der Kirche richtete sich schon immer an Individuen.“ Unter dem Deckmantel fürsorglicher Anweisungen zum Umgang mit dem eigenen Körper habe die sich als Betreuerin ausgebende Pastoralmacht jeweils ihre Verbotsmoral rund um das sündige Fleisch durchgesetzt, und so Ängste erzeugt und genährt.
Besonders bemerkenswert findet Petra Gehring den Schulterschluss der christlichen Kirchen gegen die Frau – und für das ungeborene Leben. Eine Entwicklung, die sich in den vergangenen 50 Jahren vollzogen habe und nun auch die kirchliche Bioethik-Diskussion beherrsche. Aus der Sicht von Petra Gehring betreibt die Kirche sehr wohl Macht erhaltende Biopolitik, „besonders erfolgreich seit den 1980er Jahren im Kontext der sich formierenden angewandten Ethik“. Bei der kirchlichen Vormundschaft für das Leben gehe es vor allem um Macht und Terraingewinne im eigenen Namen. „Offenbar sind bioethische Themen für die Seelsorger ein Schlüssel zum Individuum“, der natürlich nicht so leicht aus der Hand gegeben wird. „Es wird Beratungsbedarf erzeugt und gedeckt – auch von den Kirchen.“ Ob aber beispielsweise Patienten tatsächlich Bedarf haben für Bioethik, „wage ich zu bezweifeln. Wenn es einem schlecht geht und man sich nicht entscheiden kann, braucht man vor allem gute Freunde – und keine Adaption an einen Ethikdiskurs.“
Biomacht ist zwar ein Faktum, ist aber säkular. Den Kirchen bleibt nur sekundärer Zuspruch, Rückzug oder Widerstand.
Biomacht sei zwar tatsächlich ein Faktum, sie sei aber säkular, „den Kirchen bleibt nur sekundärer Zuspruch, Rückzug oder Widerstand“, entgegnete Dietmar Mieth, Professor für Theologische Ethik an der Universität Tübingen, seiner Vorrednerin. Er sieht Biomacht strukturell bestimmt, als „Bündnis der Gesellschaft mit dem Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie“. Biomacht entstehe auch durch Anwendung des Nützlichkeitsarguments in der internationalen Konkurrenz: „Wer viel verspricht, dem fliessen die öffentlichen Mittel zu.“ Und Ethik habe nur dann eine Chance, „wenn sie der Biomacht dient“, meinte er ein bisschen resigniert.
Ethik müsste aber, so Dietmar Mieth, „in reflektive Distanz treten zu dem, was der Fall ist und zu dem, was strategisch effizient ist“. Er fordert von den Naturwissenschaften mehr Ehrlichkeit und Transparenz ein: Fortschritte im Nicht-Wissen müssten ebenso kommuniziert werden wie wissenschaftliche Durchbrüche, die möglichen Risiken müssten offen gelegt werden, mit der Sprache müsse verantwortungsvoll umgegangen werden auch in dem Sinne, dass Hoffnungen von Kranken nicht instrumentalisiert würden. Und vor allem müssten Forscher vor Inangriffnahme eines neuen Projekts aufzeigen, worin der Erkenntnisgewinn ihrer Arbeit liegen könnte. Besonders die letzte Forderung wurde dann aber in der Diskussion als unrealistisch taxiert, könne doch insbesondere in der Grundlagenforschung niemand wirklich im Voraus wissen, wohin die Reise gehen könnte.
Doch zurück zum Hauptthema des Kongresses: Wie halten es die verschiedenen Religionen nun tatsächlich mit der Bioethik? Lässt sich – trotz der von Tristram Engelhardt angesprochenen grossen Diversität möglicher religiöser GenEthiken – ein gemeinsames Muster erkennen? Der Kongress bot wohl die einmalige Gelegenheit, im Originalton einen Überblick über die unterschiedlichen Standpunkte vermittelt zu bekommen. Wobei – das sei vorausgeschickt – gerade auch die anwesenden Vertreter östlicher Religionen, denen gemeinhin unterstellt wird, eher wenig übrig zu haben für die westlich-technische Zivilisation, sich erstaunlich offen zeigten gegenüber der Anwendung von Gentechnik am Menschen.
Die orthodoxe Kirche ist gegenüber der Medizin und daher auch der Anwendung gentechnischer Methoden am Menschen positiv eingestellt.
Tristram Engelhardt ist zwar wie geschildert skeptisch, was die mögliche Rolle der Religionen auf dem Feld der Bioethik angeht, aber als bekennendes Mitglied der orthodoxen Kirche hatte er schon im Rahmen seines Referates die Position seiner Religion skizziert: Sie ist gegenüber der Medizin und daher im Prinzip auch gegenüber der Anwendung gentechnischer Methoden am Menschen recht positiv eingestellt. Auf diesem Gebiet scheint St. Basilius das Sagen zu haben, der schon in seinen Schriften die Nützlichkeit der Medizin hervorhob im Kampf gegen die Krankheiten, mit denen die Menschheit als Folge von Adams Sünde geplagt ist. In diesem Sinne ist in der Orthodoxie so ziemlich alles erlaubt, was dem Menschen den Garten Eden zurückbringt, auch der Gebrauch der Gentechnik. Mit Ausnahmen allerdings: Das Konzept Mann/Frau ist unantastbar, das Verwischen der Spezies-grenzen tabu, und was ungewöhnliche und alles konsumierende Anstrengungen erfordert und damit vom Streben nach Erlösung ablenkt, „sollte von wahren Christen gemieden werden“.
Im katholischen Christentum steht die Verantwortung des Menschen für die gesamte Schöpfung im Vordergrund.
Das katholische Christentum sehe dies anders, legte Eberhard Schockenhoff dar, Professor für Moraltheologie an der Universität von Freiburg im Breisgau. Gemäss katholischer Lehre erinnert der biblische Schöpfungsglaube den Menschen sowohl an dessen Herrschaftsauftrag als auch seine Verantwortung für das Wohlergehen der gesamten Schöpfung. Daraus resultiert laut Schockenhoff unter anderem auch der geschöpfliche Eigenwert der Tiere, den es daher in seiner gesamten genetischen Vielfalt zu erhalten gelte und der nicht auf die Funktion von Hochleistungsrassen oder Bio-Reaktoren reduziert werden dürfe. Bei der pränatalen Diagnostik bestehe aus katholischer Sicht die Gefahr, dass Eltern der verbreiteten Abtreibungsmentalität ausgesetzt werden, „der zu widerstehen nur wenige die Kraft aufbringen“. Und das Klonen von Menschen lehne die Kirche ab, weil damit das Recht des Individuums, durch die zufällige Neukombination der Gene gezeugt zu werden, verletzt sei. Damit wäre einem aus dem Klonungsprozess hervorgegangenen Menschen die selbstzweckhafte Existenz verwehrt – eine Begründung, die allerdings in der folgenden Diskussionsrunde in Frage gestellt wurde.
In der jüdischen Religion hat die Weisung „Seid fruchtbar und mehret euch“ einen hohen Stellenwert.
Erstaunlich offen ist dagegen die Einstellung der jüdischen Religion gegenüber dem Einsatz gentechnischer Methoden, sei es bei der Partnerwahl, sei es im Rahmen pränataler Diagnostik – obwohl doch kaum eine andere Gruppe mehr gelitten hat unter „eugenischen“ Massnahmen als die Juden. Begonnen hat dies laut Ronald M. Green, Professor für ethische Studien am Dartmouth College, in den 1980er Jahren mit Screening-Tests, mit denen Träger des Gens für das Tay-Sachs-Syndrom identifiziert werden können. (Das Tay-Sachs-Syndrom ist eine besonders häufig unter Juden osteuropäischer Herkunft auftretende Erbkrankheit, die sich in angeborener geistiger Behinderung äussert.) Seit der Verfügbarkeit des Screening-Tests sind die Tay-Sachs-Fallzahlen um 90 Prozent zurückgegangen. Besonders effizient hat sich das Screening in ultraorthodoxen Kreisen erwiesen, in denen arrangierte Heiraten häufig sind und daher das Screening vor der Eheschliessung einfach ist. In diesen Kreisen ist die erste Frage oft: „Hast Du Dich schon testen lassen?“.
Diese Wertung hat sich, so Ronald Green, auf die gesamte Palette der genetischen Medizin übertragen. Medizin als Methode, Leben zu erhalten, stand in der jüdischen Tradition schon immer hoch im Kurs, besonders wenn sie sich in den Dienst des Gebots „Seid fruchtbar und mehret euch“ stellt – und sei es mit gentechnischen Methoden. Diese pragmatische Haltung gegenüber gentechnisch unterstützter Medizin wird auch gestützt durch die Halachah, die jüdische Gesetzgebung. Demnach kommt dem menschlichen Embryo bis zum 40. Tag nach der Befruchtung kaum moralische Dignität zu. Somit steht auch der Nutzung von embryonalen Stammzellen für medizinische Zwecke aus jüdisch-religiöser Sicht nichts entgegen.
Im Islam sind Religion, Ethik und Gesetz untrennbar miteinander verbunden.
Im Islam sind Religion, Ethik und Gesetz untrennbar miteinander verbunden. Auch hier kann dies zu Konflikten führen, wenn es um die Beurteilung der Zulässigkeit von neuen medizinischen Techniken wie etwa genetischen Präimplantationstests an Embryonen geht. Siti Nurani Mohamed Nor ist Professorin an der University of Malaya (Kuala Lumpur, Malaysia), ist dort unter anderem Koordinatorin für den Bereich Bioethik und schilderte am Kongress, wie ihr Land seit den 1980er Jahren daran arbeitet, eine mit der islamischen Ideenwelt verträgliche wissenschaftliche Kultur zu entwickeln. Dies erscheint insofern kein Widerspruch in sich, als Shariah und Koran keineswegs derart unflexibel ausgelegt werden (müssen), wie es uns aus westlicher Sicht oft erscheint. Denn für die Lösung von Problemen, für die aus dem Koran keine brauchbare Handlungsweisung abzuleiten ist, kommt das Konzept der Maslahah (Nutzen für die Gesellschaft) zur Anwendung. Ein hierarchisch organisiertes Normenwerk von der „zwingend notwendigen Norm“ über die „Norm, die Bedürfnisse und Zweckmässigkeit regelt“ bis hin zur blossen „Norm, die verstärkt, verbessert oder verfeinert“ kommt zur Anwendung. Wobei „Religion, Leben, Intellekt und familiäre Abstammung“ in die Kategorie „zwingend notwendig“ fallen und bei allen ethischen Überlegungen Priorität haben. In diesem Rahmen sind laut Siti Nurani Mohamed Nor aus islamischer Sicht auch gentechnisch unterstützte medizinische Innovationen anwendbar, wenn sie dem Menschen nachweislich Gutes bringen. Therapeutisches Klonen und Stammzellforschung sind unter diesen Aspekten möglich, Abtreibung ist erlaubt, wenn der Fötus missgebildet oder weniger als 120 Tage alt ist. Bei alledem gelte es aber, den Weg des geringsten Übels einzuschlagen.
Der Buddhismus sieht Natur nicht als von irgendeinem Schöpfer geschaffen, sondern als offenen und dynamischen Prozess, der seine ethischen Spielregeln selber setzt.
„Buddha war Lehrer und kein Gesetzgeber. Die Gebote sollen daher freiwillig befolgt werden. Es ist jedem Einzelnen überlassen, sie entsprechend seinen Möglichkeiten und durch eigene Entscheidungen einzuhalten. Wahrhaften Buddhisten dienen sie als wichtige Leitplanken für eine moralische Lebensführung und als Mittel, sich eine gute Wiedergeburt zu verdienen.“ So etwa umschreibt Pinit Ratanakul von der Mahidol University in Bangkok das Wesen des Buddhismus, womit auch die wohlwollende Haltung dieser Religion gegenüber der Anwendung gentechnischer Methoden am Menschen erklärbar wird. Diese liegt auch im sehr offenen Naturverständnis des Buddhismus begründet. Natur ist nicht von irgendeinem Schöpfer geschaffen, sondern ein offener und dynamischer Prozess und setzt ihre ethischen Spielregeln selber. Was zum Leben kommt, darf auch leben. Wenn also reproduktives Klonen gelingt, darf es auch sein.
„Der Buddhismus ist insofern ein Verbündeter der Wissenschaft, als es um die Suche nach Wissen geht, mit dem Glück und Wohlergehen des Menschen maximiert und Leiden minimiert werden kann“, sagt Pinit Ratanakul. Die Vorteile der Gentechnik würden sehr geschätzt, doch müsse die Umsetzung in die Praxis mit wichtigen menschlichen Werten, insbesondere den Menschenrechten, in Einklang gebracht werden. In diesem Sinn ist somatische Keimzellentherapie für medizinische Zwecke zulässig, Keimbahnen jedoch sind tabu für jede Manipulation, wegen des potentiell nachteiligen Effekts auf die menschliche Spezies. Analog ist gemäss buddhistischer Lehre nichts einzuwenden gegen die Forschung an und den Gebrauch von Stammzellen, solange diese nicht einem Embryo entnommen werden. Einen Embryo zu zerstören oder ihm das Recht zu leben vorzuenthalten, ist „nicht akzeptabel. Töten bleibt Töten, egal zu welchem Zweck“. Gemäss Pinit Ratanakul hat „der Buddhismus Vertrauen in die Menschheit und deren Potential für Altruismus – ungeachtet der menschlichen Schwächen.“
Im Alltag ist alles ganz anders
Die Tagung sei für ihn interessant gewesen, er habe viel gelernt, meinte Hansjakob Müller in der Schlussdiskussion. Der emeritierte Professor für medizinische Genetik an der Universität Basel war – neben Sandro Rusconi – die einzige Person auf dem Podium, die mit der Materie, die während zwei Tagen Gegenstand der Diskussion war, auch tatsächlich gearbeitet hat. Sein Einwand betraf – fürs erste – denn auch die Sprachregelung. „Das Wort GenEthik im Titel der Veranstaltung hat mich von Anfang an gestört. Denn Fortpflanzungsmedizin und Stammzellenforschung, über die jetzt die meiste Zeit geredet wurde, haben mit Genetik zunächst nichts zu tun.“ Müller wäre dankbar, wenn künftig von Bioethik die Rede wäre, und nicht von GenEthik.
Im übrigen dürfte ihm das Votum von Petra Gehring gut gefallen haben, die in ihrem Referat den Bedarf der konkret betroffenen Patienten an einem Ethik-Diskurs in Frage gestellt hatte. „Es gilt immer die Autonomie der Ratsuchenden zu respektieren“, hatte sich Hansjakob Müller vorgängig zum Kongress in einem Zeitungsinterview geäussert. „Ein Ethik-Professor kann leicht am grünen Tisch oder vom fernen Rom aus hohe ethische Maximen definieren. Aber als Arzt ist man dann mit der Realität des Alltags konfrontiert. Und die ist in der Regel sehr zwiespältig.“
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Umschreibungen der Erbsubstanz DNA als Bauplan, Code, Buch des Lebens, Sprache usw. tönen zwar vielleicht ganz gut, sind aber wissenschaftlich nicht plausibel.
Die Macht der Sprache im Diskurs um die Bioethik war schon von Friedrich Wilhelm Graf angesprochen worden. Der Sprache, respektive der Sprachgebrauchs-Analyse war dann der erste Teil des zweiten Kongresstages gewidmet. Interessant war, im Referat von Christoph Rehmann-Sutter zu erfahren, dass die herkömmlichen – auch im aktuellen ethischen Diskurs immer noch verwendeten Metaphern – inzwischen längst von der Wirklichkeit überholt worden sind. Der Philosophieprofessor und Leiter der Arbeitsstelle für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Basel, legte einleuchtend dar: Umschreibungen der Erbsubstanz DNA als Bauplan, Code, Buch des Lebens, Sprache usw. tönten zwar vielleicht ganz gut, seien aber wissenschaftlich nicht plausibel, denn diese Metaphern verstehen die DNA als Programm, als eine primäre aktive Substanz. Die genetische Information wäre dann gleich bedeutend mit der Genom-Sequenz, und körperliche Strukturen sowie Fähigkeiten wären das Resultat der Ausführung von Instruktionen, die in der DNA-Sequenz enthalten sind. „Man kann aber beobachten, dass die Gene anders funktionieren“, sagt Rehmann-Sutter. Anhand von Beispielen könne er zeigen, dass Gene nicht immer gleich abgelesen werden, dass aus ein und derselben DNA-Sequenz mehrere unterschiedliche Boten-mRNA-Moleküle und dann Proteine resultieren können.
Christoph Rehmann-Sutter plädiert daher dafür, vom Bild des Genoms als Programm abzurücken und an dessen Stelle von „System-Genomik“ zu sprechen. „Das ist eine naturwissenschaftliche Leitidee, die mehr Sinn macht.“ Sie habe aber auch prinzipiell neue Implikationen für die Lebens- und Naturbilder und damit auch für die Bioethik-Diskussion. Im Rahmen einer „System-Genomik“ hat DNA kein ontologisches Privileg, sie ist ein Teil des Organismus wie alle anderen Komponenten und Zellprozesse. Genetische Information wird kontinuierlich hergestellt aus der Interaktion zwischen DNA, Zellen und Umwelt. Strukturen und Fähigkeiten sind somit nicht bloss Resultat von Entwicklungsschritten, sondern selber Auslöser für weitere Entwicklungen.
Eine solche Umdeutung des Stellenwertes der DNA lässt einiges in neuem Licht erscheinen. So stellt sich etwa der Körper im Konzept Programm-Genomik als Produkt seiner Gensequenzen dar, während innerhalb der System-Genomik der Körper als Autor seiner genetischen Information auftritt. Analog versteht die Programm-Genomik die Mutation in einem mit Krebs in Verbindung gebrachten Gen als Information, Krebs zu erzeugen. Die System-Genomik dagegen wird diese Mutation als Indikator bezeichnen für eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass der Körper die Information produzieren könnte, die zum Ausbruch von Krebs führt. Dies alles zeige, dass die Gentechnologie von einer Ethik begleitet werden muss, die einerseits naturwissenschaftlich kompetent ist und zugleich auch den Grundlagen der „armchair philosophy“ gerecht wird.
Aufgabe der Theologen könnte es sein, den Menschen zu helfen, „sich den Verwirrungen des Lebens mit etwas weniger Angst im Herzen zuzuwenden“.
Zweifel an der Rolle, welche die Naturwissenschaften in der Ethik-Diskussion spielen können, wurde dann aber angebracht von Klaus Tanner, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Martin Luther Universität in Halle-Wittenberg, denn schliesslich ist „Bioethik nicht im Labor entwickelt worden, sondern ein kulturelles Phänomen“. Erst wenn wissenschaftliche Ergebnisse in die breite Öffentlichkeit gelangen, würden die grossen Kontroversen ausgelöst, „dann kommen auch die religiösen Sprachstile auf die Plattform der öffentlichen Debatten“. Daher sei es wohl auch kein Zufall, dass sich protestantische Theologen in den USA als erste der Bioethik angenommen haben. Historisches Wissen spiele in dieser Debatte eine wichtige Rolle, „ohne eine bestimmte kulturelle Tradition geht es nicht, und die liegt bei uns nun einmal im symbolischen Repertoire des Christentums“.
Dass der Schöpfungsbegriff mit der Umweltdiskussion neue Plausibilität gewonnen hat, ist für Klaus Tanner gegeben. „Es geht im Kern um Unruhe, Angst und Verunsicherung ob der permanenten Konfrontation mit Neuem, es geht auch um die Frage von Vertrauen und Misstrauen.“ Der moderne Mensch habe Angst, in der industriellen Gesellschaft zum blossen Objekt degradiert zu werden, und „diese Angst ist permanent mobilisierbar“. Ob die Ängste beispielsweise vor der Gentechnik wirklich berechtigt sind, ist laut Klaus Tanner schwer zu sagen. Oft werde mit Befürchtungen operiert, gentechnisch unterstützte Embryo-Selektion werde in der Gesellschaft keinen Platz lassen für behinderte Menschen. „Andererseits aber sind historisch gesehen noch nie so viele Mittel für das Wohlergehen von Behinderten ausgegeben worden wie gerade in unserer Zeit.“
Was da die Theologen – trotz allem Pluralismus in den Religionen – mitbringen können? Hermeneutische, auslegende und erklärende Kompetenz. Hermeneutik komme immer dann ins Spiel, wenn vielschichtige Problemlagen vorliegen: „Theologen haben durchaus immer schon mit unlösbaren Problemen zu tun gehabt und sind daher gewohnt, sich mit komplexen Fragen herumzuschlagen.“
Anzusetzen sei bei einer adäquaten Beschreibung der Problemlage innerhalb der Ethikkommissionen, denn mit der Beschreibung und der Sprachregelung werden laut Klaus Tanner die Weichen gestellt für normative Definitionen: „Wenn man den Embryo als Zellhaufen beschreibt, folgen andere normative Imperative als wenn Sie sagen, das sei bereits ein kleiner Mensch.“ Pluralismus der Ansichten bedeute nicht Beliebigkeit, eine Klassifizierung sollte trotzdem möglich sein. „Kaum jemand sagt: Es ist mir egal. Vielmehr steht an jeder Ecke ein Prophet, der sagt, was richtig ist. Das ist das Problem.“
Bei alledem räumt auch Klaus Tanner ein, dass es unmöglich sei, „aus einer kirchlich-religiösen Aussage unmittelbar eine Anweisung abzuleiten; das wäre theologisch falsch“. Die Verantwortung des einzelnen Menschen sei nicht delegierbar, „darin liegt unsere Bürde“. Und Aufgabe der Theologen müsste es folglich sein, den Menschen dabei zu helfen, „sich den Verwirrungen des Lebens mit etwas weniger Angst im Herzen zuzuwenden“.
Ulrich Goetz ist Wissenschaftsjournalist in Basel. (www.ugtexte.ch)
Gesetzgebung in der Schweiz
Es sei nicht klug, in Verfassungstexten religiöse Sprache zu gebrauchen, hat Friedrich Wilhelm Graf in seinem Referat an die Adresse der Schweizer Gesetzgeber angemerkt. „Von der Würde der Kreatur zu reden und das Tierschutzgesetz mit religiöser Semantik zu schreiben – damit hat sich die Schweizer Politik viele Folgeprobleme eingehandelt.“ (Ein solches Folgeproblem zeichnet sich ja bereits ab, hat doch die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich bereits den Begriff „Würde der Kreatur“ auch für die Pflanzenwelt eingefordert.)
An der Tagung schilderten dann zwei Referentinnen, wie weit die Schweizer Gesetzgebung die Forderungen von Seiten Religion, Theologie und Ethik aufnimmt.
Ruth Reusser, bis vor kurzem stellvertretende Direktorin des Bundesamtes für Justiz, stellte in ihrer Präsentation eine zunehmende Verrechtlichung von Medizin und Forschung fest: „Dem Recht kommt in den ethisch-moralischen Debatten zunehmend die Schiedsrichterfunktion zu.“ Dabei habe sich aus all den Rechtssetzungen der vergangenen Jahre das Grundrecht auf unverändertes Erbgut herauskristallisiert, worauf sich unter anderem das Klonverbot abstütze. Ruth Reusser begrüsst den Umstand, dass die Schweiz mit der Gesetzesarbeit über genetische Untersuchungen beim Menschen international eine Vorreiterrolle einnimmt. Dabei räumt sie ein, dass die „Halbwertszeit“ der Gesetzgebung im Bereich Forschung und Medizin nicht lang ist: „Wenn diese Gesetze zehn bis zwanzig Jahre ihren Dienst tun können, sind wir schon glücklich.“
Andrea Arz de Falco, Leiterin der Abteilung Biomedizin im Bundesamt für Gesundheit, stellte dann die Ergebnisse des Vernehmlassungsverfahrens über den Entwurf des Bundesgesetzes zur Forschung am Menschen dar. Sie hatte die Stellungnahmen daraufhin durchgesehen, wie weit religiös-theologische Standpunkte und Sprachinhalte in die Vernehmlassungsantworten eingeflossen waren. Auffallend ist vielleicht, dass in den meisten Stellungnahmen tatsächlich das Verhältnis zwischen Menschenwürde und Forschungsfreiheit thematisiert wird. Forschungsfreiheit dürfe nicht über oder auf gleiche Stufe gestellt werden wie die Menschenwürde, so etwa der allgemeine Tenor. Zusammenfassend kommt Andrea Arz de Falco jedoch zum Schluss, die Bezugnahme auf religiöse oder theologische Argumente sei selten. Kritikpunkte und Argumente würden sich nicht besonders unterscheiden von denjenigen, die aus explizit nicht-religiösen Kreisen vorgebracht werden.
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Referenten und Wissenschaftliches Programm

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Andrea Arz de Falco ist promovierte Theologin und Ethikerin. Sie leitet die Abteilung Biomedizin im Bundesamt für Gesundheit, Bern, und ist zuständig für die Bereiche Forschung am Menschen, Präimplantationsdiagnostik, Transplantation, Biologische Sicherheit und Heilmittelrecht.
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James F. Childress ist Professor an der University of Virginia, USA. Er steht dem Institute for Practical Ethics vor. Er ist u.a. Mitautor eines bioethischen Standardwerks.
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H. Tristram Engelhardt, Jr. ist Professor für Philosophie an der Rice University Texas, USA. Er ist Doktor der Philosophie und der Medizin und u.a. Autor eines grundlegenden Buchs theologischer Bioethik.
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Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der TU Damstadt und Vizepräsidentin der Universität. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die philosophische Analyse biopolitischer Phänomene.
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Friedrich Wilhelm Graf ist Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LM-Universität München. Er ist Leibniz-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft und einer der in der Öffentlichkeit bekanntesten deutschsprachigen Theologen.
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Ronald M. Green ist Professor for the Study of Ethics and Human Values und Direktor des Ethics Institute am Dartmouth College, New Hampshire, USA. Sein Hauptarbeitsgebiet ist der Bereich Bioethik.
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Klaus Lindpaintner ist Sr. VP und Leiter des Roche Laboratoriums für Molekulare Medizin in Basel, sowie Koordinator der Roche Science and Ethics Advisory Group der F. Hoffmann-La Roche AG. Ausserordentliche Professuren in London, Shanghai, Stanford, Wien.
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Antonio Loprieno ist Professor für Ägyptologie und Rektor der Universität Basel
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Dietmar Mieth ist Professor für Theologische Ethik an der Universität Tübingen. Er ist u.a. Mitglied der Bioethik-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte liegt im Bereich Ethik in den Wissenschaften.
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Peter Miny ist Professor für Medizinische Genetik an der Universität Basel und interimistischer Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik am Universitäts-kinderspital. Er ist Co-Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Genetik (SGMG) und Mitglied der Expertenkommission des Bundesamtes für Gesundheit (GUMEK).
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Hansjakob Müller ist emeritierter Professor für Medizinische Genetik an der Universität Basel und ehemaliger Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik. Er war Mitglied von ethischen Kommissionen des Europarates und der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Er gehört der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin an.
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Siti Nurani Mohamed Nor ist Professorin am Department for Science and Technology Studies an der University of Malaya in Kuala Lumpur (Malaysia). Sie ist Koordinatorin für den Bereich Bioethik.
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Ted Peters ist Professor für Systematische Theologie am Pacific Lutheran Theological Seminary und an der Graduate Theological Union in Berkeley, California. Er ist u.a. Mitherausgeber des Journals ‘Theology and Science’ für das ‘Center for Theology and the Natural Sciences’ und Autor einschlägiger Bücher über Bioethik.
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Georg Pfleiderer ist Professor für Systematische Theologie/Ethik an der Universität Basel. Er forscht u.a. über theologische Grundlagenfragen der Bioethik und ist Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausser-humanen Bereich.
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Pinit Ratanakul ist Direktor des College of Religious Studies an der Mahidol Universität in Bangkok, Thailand. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Bioethik und buddhistische Kultur.
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Christoph Rehmann-Sutter ist Professor für Philosophie und Leiter der Arbeitsstelle für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Basel, Visiting Professor an der London School of Economics und Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin in der Schweiz.
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Ruth Reusser war bis vor kurzem Leiterin des Direktionsbereichs Privatrecht und stellv. Direktorin des Bundesamtes für Justiz. Sie betreute u.a. das Fortpflanzungsmedizingesetz und das BG über genetische Untersuchungen und arbeitete im leitenden Ausschuss für Bioethik des Europarates mit, den sie während zwei Jahren präsidierte.
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Sandro Rusconi war Professor für Biochemie an der Universität Freiburg/Schweiz (1994–2007) und Direktor des Nationalen Forschungsprogramms 37 „Somatische Gentherapie“ (1996–2001). Seit 2005 ist er Leiter des Departements „Kultur und Hochschulwesen“ des Kantons Tessin.
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Eberhard Schockenhoff ist Professor für Moraltheologie in Freiburg im Breisgau. Er ist Mitglied des Nationalen Ethikrats in Deutschland und Autor zahlreicher Veröffentlichungen im Bereich der Ethik, insbesondere der Medizin- und Bioethik.
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Klaus Tanner ist Professor für Systematische Theologie/Ethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er war bzw. ist Mitglied mehrerer hochrangiger Ethikkommissionen und Gremien (u.a. Zentrale Ethikkommission der Bundesregierung für Stammzellforschung; Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina).
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Wissenschaftliches Programm (107 KB)
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